Adieu, Deutschland

 

Nach der Bundestagswahl: Adieu, Volksparteien

Die eierlegende Wollmilchsau der repräsentativen Demokratie hat ihre Existenzbedingungen verloren. Wir sollten uns daran gewöhnen.

Willy Brandt mit KollegInnen auf einem Parteitag.

Volskpartei SPD 1980, mit einem Volksparteienspruch und Willy Brandt (links) Foto: Klaus Rose/picture alliance

Alle reden von Volksparteien. SPD und Union wollen es nach wie vor sein (ganz besonders die CSU macht daraus ein Mantra), die Grünen wollen es werden. Selbst die abgewatschte Linke reklamiert den Begriff für sich, zumindest in Ostdeutschland. Volkspartei zu sein, und wenn auch nur im Kleinen, das scheint der Goldstandard, an dem der Erfolg einer Partei bemessen wird. Ob der Begriff der Volkspartei wirklich ein normatives Ideal darstellt, gerät dabei nur selten in den Blick.

Ursprünglich bezeichnet der Begriff der Volkspartei ein Niedergangsszenario. Der SPD-Parteitheoretiker Eduard Bernstein fragte 1905 bang: „Wird die Sozialdemokratie Volkspartei?“ Für ihn war dieses Szenario alles andere als verheißungsvoll. Etabliert hat den Begriff der Volkspartei in den 1960er Jahren Otto Kirchheimer, einer der Gründungsväter der deutschen Politikwissenschaft.

Kennt man den Begriff, den Kirchheimer synonym zu dem der Volkspartei verwendet, dann ahnt man schon, dass auch er kein Fan des neuen Parteityps war: Für Kirchheimer galten Volksparteien als Allerweltsparteien, ideologisch verwässert und ihres organisatorischen Unterbaus beraubt. Den von ihm ursprünglich gewählten Begriff der „catch-all party“ (als Emigrant schrieb Kirchheimer auf Englisch) wendete er bezeichnenderweise zuerst auf die Nationale Front der DDR an.

Für Bernstein und Kirchheimer bezeichnete der Begriff der Volkspartei einen Etikettenschwindel, bei dem die zentralen Werte der Kernwählerschaft auf dem Altar des Appells an breitere Bevölkerungsschichten geopfert wurden. In der Tat ist der Spagat zwischen tiefer Verwurzelung in einem Kernmilieu und gleichzeitiger Attraktivität für weitere gesellschaftliche Gruppen eigentlich nicht zu schaffen.

Eigentlich. Uneigentlich gab es aber eine Zeit für diese eierlegende Wollmilchsau der repräsentativen Demokratie: den Kalten Krieg. In dessen bipolarer Weltordnung erwuchsen den Führungen von Christ- und Sozialdemokratie unverhofft zwei Drohungen, vermittels derer sie das verhindern konnten, was den Erfolg von Volksparteien unter Normalbedingungen konterkariert: die Abwendung der Kernwählerschaft hin zu Parteien, die weiterhin die reine Lehre vertreten und diese nicht für den Appell an die Massen verwässern. Diese Drohungen waren zum einen der Antikommunismus, mit dem Linksabweichler diszipliniert werden konnten. Die letzten Ausläufer dieses Disziplinierungsreflexes haben wir im gerade erst zu Ende gegangenen Wahlkampf erlebt. Zum anderen diente der Appell an den Verbleib im „westlichen Bündnis“ denjenigen als wirksame Drohung, die nach rechts erneut auf deutsche Sonderwege abbiegen wollten. Wer wollte schon mit „Moskau“ gemeinsame Sache machen oder den Schutzschirm der USA verlassen?

Diese beiden Drohungen waren der Nährboden, auf dem Volksparteien erst gedeihen konnten, und angesichts der deutschen Vergangenheit ging diese Saat besonders gut auf und blühte im europäischen Vergleich erstaunlich lange. Stabilität, das war der Slogan der Volksparteien, und noch Olaf Scholz (geschickter) und Armin Laschet (plumper) haben ihn im Wahlkampf permanent im Mund geführt.

Dennoch: Sogar im Kalten Krieg war das Unbehagen an den Allerwelts-, pardon: den Volksparteien greifbar. Den Grünen waren in ihren ersten Jahren die Volksparteien das, was heute der AfD die „Altparteien“ sind: die Folie, von der sie sich um jeden Preis – im Fall der Grünen als „Anti-Parteien-Partei“ – abzugrenzen versuchten. Zu einer Tugend wurde die volksparteitypische Quadratur des Kreises der Repräsentation eigentlich erst, als ihre Existenzbedingung zusehends entfiel.

Die Käseglocke des Kalten Krieges, die den politischen Wettbewerb zu deckeln vermochte, ist passé. Nichts verdeutlicht dies besser als die ideologisch vermeintlich „reineren“ Konkurrenten, die den Sozial- und Christdemokraten mittlerweile erwachsen sind. Erstere handelten sich im Zuge der Agenda-Reformen die gesamtdeutsche Linkspartei ein und Letztere im Zuge der Migrationskrise die AfD. Die Klimaliste wartet mutmaßlich schon auf das selbsterkorene Fanal, das ihnen die Grünen bieten. Willkommen also zurück in der alten neuen Normalität des volksparteifreien Parteiensystems.

All dies ließe sich mit einem wissenden Nicken zu den Akten nehmen, steckte dahinter nicht ein paradoxes, aber typisches und vor allem verhängnisvolles Muster: Normative Strahlkraft entfaltet immer das jeweils vorangegangene dominante Organisationsmodell politischer Parteien, das dann in der Gegenwart hervor gekramt wird, um „den“ Parteien Versäumnisse vorzuwerfen. Die so geäußerte Kritik fällt gern fundamental aus und nimmt billigend in Kauf, dass nicht nur einzelne Parteien, sondern die repräsentative Demokratie als solche dabei aufs Korn genommen wird. Kaum waren im frühen 20. Jahrhundert die ersten Massenparteien aufgekommen, wurden sie vom Soziologen Robert Michels als Oligarchien abgetan. Kirchheimer waren die Massenparteien die Folie, vor deren Hintergrund er die Krisendiagnose Volkspartei stellte.

Heute sind die Volksparteien selbst zum Ideal avanciert, das so vermeintlich positiv kontrastiert mit den gegenwärtigen sogenannten Kartellparteien. In diesem Begriff kulminieren die Vorwürfe von Michels (Abkopplung der Parteieliten von den Mitgliedern) und Kirchheimer (Abkopplung der Parteieliten von den Wählern). Politikwissenschaftlich hochumstritten, hat sich die Diagnose zum Kampfbegriff der AfD gemausert.

Wir sollten damit aufhören, stets das gerade abgelegte Organisationsmodell von Parteien anzuhimmeln und Parteien stattdessen an den gesellschaftlichen Realitäten messen, die sie widerspiegeln. Im Zweifelsfall kommt es darauf an, sie zu verändern. Aber bitte in der Gegenwart, nicht in der Vergangenheit.

CONSERVATISMO VERDE = FASCISMO NERO

 

Diana Kinnert über Klimapolitik: Konservatismus for Future

Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, die Verpflichtung zu ehrgeizigerer Klimapolitik, folgt nicht progressiven oder linken Denkschulen – es ist Teil des Liberalkonservatismus.

Diana Kinnert Foto: Michael Danner

Von DIANA KINNERT

»The past is a foreign country; they do things differently there.« Mit diesem Satz beginnt der 1953 erschienene Roman The Go-Between des englischen Schriftstellers L. P. Hartley. Aus den Worten liest sich ein Bekenntnis zu Demut: das eigene mickrige Dasein, den sich selbst umgebenden profanen Zeitgeist, aber auch die Schätze des eigenen Kulturkreises und seiner Philosophien der aktuellen Zeit nicht zum Maß aller Dinge zu erheben. Das verlangt Zügelung.

»Die Verbindung von Ökologie mit linken Politikansätzen ist kein Schicksal.« Diana Kinnert

Der Konservatismus, nicht als Konglomerat von Inhalt gedacht, sondern als Denkform gemeint, verspricht genau das: weder überschäumenden Enthusiasmus und die Naivität vor Neuem noch das abwehrende Reaktionäre zu verherrlichen, sondern sich in Zurückhaltung und Vorsicht mahnen, nicht universalistisch übergreifen zu wollen. Das Konservative macht sich damit zum Garant für den Schutz vor Gewalt, auch und gerade ideologischer. Darin wohnt der Liebreiz einer Denkschule, die ansonsten eher sittsam-repressiv oder ignorant-kalt daherkommt: Der Konservatismus als politische Idee der Demut folgt dem Sinn der Freiheit.

Darin ist bereits alles enthalten: auch die intergenerationelle Verantwortung als Idee, Entscheidungsressourcen nachfolgender Generationen nicht aufzubrauchen. Das Konservative verschreibt sich damit ebenfalls dem Ernst der sogenannten Klimaverantwortung. Neu ist daran eigentlich nichts. Das wiederum ist vielen, nicht nur jenen, denen das Konservative fern bis fremd ist, aber genau das: nämlich neu.

Globale Verantwortung ist in der konservativen Idee verankert

Erst die jüngste Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts soll den konservativen Auftrag und die Idee der Freiheit um die Schau in die Zukunft erweitert haben. Wer die Pressekommentare liest, die nach der Bekanntgabe des Urteils erschienen sind, kann den Eindruck gewinnen, der Erste Senat des Gerichts habe das grundlegende Verständnis von Gegenwart, Zukunft, Freiheit und Recht umgestoßen. Reinhard Müller urteilte für die FAZ kritisch, das Gericht nehme die Welt in den Blick, »die am deutschen Grundrechtswesen genesen soll«. Im Deutschlandfunk erhob Stephan Detjen das Urteil zu einer »juristischen Sensation«. Die taz feierte »Karlsruhe for Future«. Und auch Ralf Fücks stellte für die Welt fest, es sei »nicht übertrieben«, das Urteil »als historisch zu bezeichnen«. Ob der Großzügigkeit der Kompetenzauslegung des Bundesverfassungsgerichts mag trefflich zu streiten sein; interessanter ist jedoch die Frage, ob das Urteil tatsächlich Neues enthält – sich also auch zum Grundstein einer neuen politischen Denkschule eignet, oder das konservative Denken erweitert oder gar umstößt. Doch nichts davon ist der Fall.

In einem Namensbeitrag für die Konrad-Adenauer-Stiftung geht der Leiter der Wissenschaftlichen Dienste des Hauses und des Archivs für Christdemokratische Politik Matthias Oppermann dem Ursprung intergenerationeller, also auch der Klimaverantwortung nach. Oppermann, der 2018 über die Entstehung des britischen Liberalkonservatismus im frühen 19. Jahrhundert habilitierte, fühlt sich insbesondere in zwei Aspekten, die in der Urteilsbesprechung Hervorhebung finden, an schon etwas ältere politische Ideenlehre erinnert. Die Schaffung eines Generationenvertrages sowie die globale Dimension von Verantwortung liegen damit nicht erst dem jungen Urteil zugrunde, sondern sind bereits seit dem 18. Jahrhundert in der konservativen Idee verankert. Einer der Urheber dieser Idee, wenn auch lange nicht mehr als »Vater des Konservatismus« rezipiert, ist der irisch-britische Denker Edmund Burke.

Burke als klassischer Whig des 18. Jahrhunderts ist Stichwortgeber eines Liberalkonservatismus, der sich durch liberale Grundlage und konservative Disposition auszeichnet. Nach Oppermann schätzten die britischen Liberalen Burkes kompromisslose Verteidigung der Rechte und Freiheiten der Engländer. Von einem göttlichen Naturrecht und von den abstrakten Naturrechten der französischen Revolutionäre habe dieser nichts gehalten. Er bekämpfte sie gar publizistisch seit 1790 bis zu seinem Tod im Jahr 1797. Rechte mussten aus Burkes Sicht an eine politische Gemeinschaft gebunden sein, um Wirkung zu entfalten. Die englischen Rechte und Freiheiten galten für Burke allerdings unter bestimmten Umständen auch über Großbritannien hinaus, wie Oppermann feststellt und damit auf eine Parallele zum sogenannten »Klima-Urteil« hinweist.

Aus der Arbeit „The Sleep of Reason Produces Monsters“ von Michael Danner Foto: Michael Danner

Der Gesellschaft von morgen verpflichtet

Im Korruptionsprozess gegen den ehemaligen ersten Generalgouverneur von Bengalen, Warren Hastings, sagte Burke 1788, in Indien könne nicht moralisch richtig sein, was in England falsch sei. Die Briten müssten sich auch in Indien an die in Großbritannien geltenden Standards halten. Damit verfolgte Burke eine rhetorische Absicht, und sicher ist diese Theorie der geografischen Kontinuität des britischen Rechts eine wacklige Konstruktion. Eine ähnliche Unsicherheit aber liegt auch in der Feststellung des Bundesverfassungsgerichts, als natürliche Personen seien Jugendliche aus Nepal und Bangladesch »beschwerdebefugt, weil nicht von vornherein auszuschließen« sei, »dass die Grundrechte des Grundgesetzes den deutschen Staat auch zu ihrem Schutz vor den Folgen des globalen Klimawandels verpflichten«. Es ist also nicht sicher, sondern nur möglich. Beschwerden aus Asien zuzulassen, ist somit nicht als Versuch zu werten, die Welt durch universalistischen Übergriff zu retten, sondern als Anerkennung der Möglichkeit, dass deutsches Recht dort gelten könnte, wo Deutschland durch sein Verhalten Einfluss und damit Macht ausübt. In dem Urteil steckt also ein ähnlich begrenzter Universalismus wie in Burkes Kampf gegen die Ausbeutung Bengalens.

Auch die Einschätzung eines angeblich neuen Generationenvertrags und damit der Begriffsdehnung von Freiheit ins Überzeitliche durch das Bundesverfassungsgericht sind laut Oppermann burkeanischen Ursprungs. Der Kommentar zum »Klima-Urteil« interpretiert, durch das Urteil gegenwärtige Generationen darauf verpflichten zu wollen, heute mehr Anstrengungen zum Klimaschutz zu unternehmen, um die Freiheitsrechte späterer Generationen nicht ungebührlich zu beschränken. In Burkes Reflections on the Revolution in France von 1790 kritisierte dieser die französischen Revolutionäre für den Umsturz einer von der Klugheit vieler Generationen geschaffenen politischen Ordnung, die er zwar für reformbedürftig, aber entwicklungsfähig hielt. Burke gab sich damit als Reformer zu erkennen. Durch die Zerstörung des Ancien Régime richteten sich die Revolutionäre nicht nur gegen die Vergangenheit, sondern auch gegen die Zukunft. Sie nahmen Frankreich die Möglichkeit, die organisch entstandene politische Ordnung durch Reform zu verbessern.

Oppermann erinnert, Burke vertrete damit die Idee eines fließenden Gesellschaftsvertrags, der weder Anfang noch Ende kenne. In einer berühmten Passage seiner Reflections heißt es, die Gesellschaft sei eine »Gemeinschaft nicht nur zwischen den Lebenden, sondern zwischen den Lebenden, den Toten und denjenigen, die geboren werden«. Das galt für ihn in jeder Hinsicht, nicht nur für den Staat. Burke verteidigte stets das Privateigentum, aber ein Eigentümer war aus seiner Sicht nur ein Treuhänder, der gegenüber seinen Vorgängern und seinen Nachfolgern zu einem verantwortlichen Umgang mit diesem Eigentum verpflichtet war.

Umweltschutz beginnt beim eigenen Besitz

Warum sollten die Natur und ihre Ressourcen davon ausgenommen sein? Die Menschen jeder Generation waren Burke zufolge nur »temporäre Eigentümer und lebenslange Pächter« der Schätze dieser Welt. Sie hätten kein Recht, so mit ihrem Eigentum umzugehen, dass nachfolgenden Generationen nur noch Ruinen blieben. Obwohl unwahrscheinlich ist, dass die Richterinnen und Richter des Ersten Senats in Karlsruhe an Burke dachten, urteilten sie in dessen Geist, als sie feststellten, das Grundgesetz »verpflichtet unter bestimmten Voraussetzungen zur Sicherung grundrechtsgeschützter Freiheit über die Zeit und zur verhältnismäßigen Verteilung von Freiheitschancen über die Generationen«. Ihr Urteil mag »wuchtig, aber richtig« sein, wie Markus Söder twitterte, aber nicht, weil es revolutionär oder radikal ist. Es ist burkeanisch, und damit auf eine gemäßigte, liberale Weise konservativ, konstatiert Oppermann.

Die Verpflichtung zu Nachhaltigkeit und der Antrieb zu ehrgeizigerer Klimaschutzpolitik sind also eben nicht als Fremdauftrag progressiver oder linker Denkschulen zu lesen. Sie wohnen konservativer Denkform und einem tatsächlichen britischen Liberalkonservatismus unmittelbar inne. Die christliche Verantwortung zur Bewahrung der Schöpfung bleibt davon unberührt. Der Konservatismus allein kann mit zur Einsicht führen, dass jetzige Generationen ausschließlich als Treuhänder für zukünftige Generationen verwalten. Umweltschutz beginnt deshalb beim eigenen Besitz.

Die Verbindung von Ökologie mit linken Politikansätzen ist kein Schicksal. Die große Bedeutung, die ökologischen Themen heute beigemessen wird, muss nicht zwangsläufig politisch Grünen zugutekommen. Konservative werden oft als nicht authentisch kritisiert, wenn sie sich ökologischer Themen annehmen. Dabei wäre es nicht schwer, einer solchen Profilierung Authentizität zu verleihen. Indem das Bundesverfassungsgericht, jüngst burkeanisch, von der Notwendigkeit gesprochen hat, den Klimaschutz mit anderen Verfassungsgütern abzuwägen, weist es den Weg dorthin.

DIANA KINNERT ist Unternehmerin, Publizistin und Politikerin (CDU). Zuletzt von ihr erschienen (mit Marc Bielefeld): Die neue Einsamkeit (Hoffmann und Campe 2021).

E L'ITALIA CON 1700 CAUSE QUASI TUTTE IMPAGATE?

 

Streitfall Osman Kavala in der Türkei: Ankara droht Rauswurf aus Europarat

Straßburg hat die Freilassung von Osman Kavala angeordnet. Doch die Türkei ignoriert das Urteil – das könnte bald gewichtige Folgen haben.

Erdogan vor einer türkischen Flagge

Steuert auf ein ernsthaftes Zerwürfnis mit dem Europarat zu: Türkeis Präsident Erdoğan Foto: dpa

ISTANBUL taz | Am Ende eines langen Prozesstags in Istanbul entschieden die Richter am Freitagabend zuletzt gegen die Verteidigung und für einen Antrag des Staatsanwaltes: Das bedeutet, dass der prominente politische Gefangene Osman Kavala auch nach vier Jahren weiterhin in Untersuchungshaft bleibt.

Diese Entscheidung ist eine Provokation, nicht nur gegen Kavala, sondern vor allem gegen den Europarat, dessen höchstes Gremium, der Ministerrat, erst Mitte September ultimativ gefordert hatte, Kavala sofort aus der U-Haft zu entlassen.

Der Ministerrat verlieh damit einer Entscheidung des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofes (EGMR) in Straßburg Nachdruck, der bereits 2019 geurteilt hatte, Kavala und der ebenfalls seit vier Jahren in U-Haft festgehaltene ehemalige Parteivorsitzende der links-kurdischen HDP, Selahattin Demirtaş, müssten unverzüglich aus der U-Haft entlassen werden.

Die türkische Regierung verweigert seitdem die Umsetzung des Gerichtsbeschlusses aus Straßburg. Bleibt die türkische Regierung bis Ende November dabei, Kavala und Demirtaş nicht aus der U-Haft zu entlassen, will der Ministerrat des Europarates in seiner Sitzung vom 30. November bis 2. Dezember ein Ausschlussverfahren gegen die Türkei einleiten.

Parallele zu Aserbaidschan

Der EGMR ist die wichtigste Institution des Europarates. Er überwacht die Einhaltung der europäischen Menschenrechtscharta, die alle Mitglieder ratifiziert haben. Erst vor wenigen Monaten ist die Türkei aus der Istanbul-Konvention zum Schutz von Frauen ausgetreten, ebenfalls ein völkerrechtlich verbindlicher Vertrag des Europarats.

Der Ausschluss der Türkei aus der ältesten europäischen Staatenorganisation, die 1949 gegründet wurde, und in der alle europäischen Staaten einschließlich Russland und der Kaukasusstaaten Armenien, Aserbaidschan und Georgien Mitglied sind, wäre ein Novum.

Er dürfte der Erdoğan-Regierung, die sehr großen Wert auf ihr internationales Prestige legt, nachhaltig schaden. Bislang gab es in der Geschichte des Europarats nur einen vergleichbaren Fall, als Aserbaidschan ebenfalls die Umsetzung eines Urteils des Straßburger Gerichts verweigerte. Bevor es zum Ausschluss kam, lenkte Präsident Aliyew allerdings ein und ließ einen bekannten Oppositionellen frei.

Gegen Russland verhängte der Europarat nach der Übernahme der Krim als Sanktion die Aussetzung des Stimmrechts in der parlamentarischen Versammlung. Nach jahrelangen Auseinandersetzungen wurde diese Sanktion allerdings wieder aufgehoben.

Verteidigung spricht von „Justizputsch“

Der 64-jährige Osman Kavala ist einer der bekanntesten Streiter der türkischen Zivilgesellschaft. Er gründete verschiedene Initiativen, die die Kultur der Minderheiten in der Türkei, insbesondere Armenier und Kurden, unterstützen und für eine Aussöhnung in der Gesellschaft eintreten.

Kavala, der aus einer reichen Industriellenfamilie stammt und deshalb regelmäßig als Mäzen auftrat, ist Erdoğan schon lange ein Dorn im Auge. Er wurde zunächst angeklagt, die Gezi-Proteste 2013 finanziert zu haben, wurde von diesem Vorwurf jedoch freigesprochen. Noch bevor er das Gefängnis verlassen konnte, präsentierte die Staatsanwaltschaft eine neue Anklage, in der ihm vorgeworfen wird, am Putschversuch gegen Erdoğan 2016 beteiligt gewesen zu sein.

Im aktuellen Prozess ist sein Verfahren erneut mit einem laufenden Verfahren wegen der Gezi-Proteste zusammengelegt worden, weshalb die Verteidigung von einem „Justizputsch“ spricht. Am 28. November soll dieser Prozess nun fortgesetzt werden. Es dürfte die letzte Chance für die Türkei sein, einem Rauswurf aus dem Europarat zu entgehen.

ZEIG MAL DEN FINGER, BASTI

 

Skandal um Sebastian Kurz: Das gesamte stinkende Paket

Demokratischen Populismus gibt es nicht. Die CDU sollte sich ganz schnell vom österreichischen „Vorbild“ Sebastian Kurz verabschieden.

Sebastian Kurz zieht die Mundwinkel nach unten während einer Pressekonferenz

Sebastian Kurz und seine ÖVP sollte sich die Union besser nicht zum Vorbild nehmen Foto: Martin Juen/imago

Manche Leute haben Pech beim Denken. Christoph Ploß, der Hamburger CDU-Vorsitzende, pries gerade erst in der ARD den österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz und seine ÖVP als leuchtendes Vorbild für die Union an. Richtung „rohe Bürgerlichkeit“ habe es zu gehen. Keine glückliche Fügung für Ploß, dass Kurz’ Herrschaft nun wie ein Kartenhaus zusammenbricht. Die nächsten Tage wird er kaum mehr überstehen.

Mittwoch wurden wir mit der Schlagzeile vom Frühstück hochgeschreckt, dass gerade Hausdurchsuchungen im Kanzleramt und in der ÖVP-Zentrale stattfänden. Klar, wir Ösi­sta­ne­r*in­nen heben bei solchen Nachrichten gerade noch die Augenbrauen. Ein Gewöhnungseffekt lässt sich nicht leugnen.

Mittlerweile ist Sebastian Kurz in einigen unterschiedlichen – aber miteinander verbundenen – Verfahren als Beschuldigter geführt, die Delikte, deretwegen gegen ihn ermittelt wird, reichen von falscher Zeugenaussage vor einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss nun auch über Beihilfe zur Bestechlichkeit bis zur Untreue. Für die „Zerstörung der ÖVP“ braucht es bei uns keinen Rezo, das erledigt schon Sebastian Kurz selbst. Der hat auch die Haare schön. Anfang September wurde Kurz viele Stunden lang von einem Richter einvernommen, in diesem Verfahren wird mit einem baldigen Strafbefehl, also einer Anklage gerechnet.

Seit Wochen trommelt die Volkspartei, früher zumindest als rechts­treue Staatspartei bekannt, gegen die Justiz. Ganz im Stile von Silvio Berlusconi oder Donald Trump werden Staatsanwälte als Angehörige „roter Netzwerke“ diskreditiert, in weiser Voraussicht oder weniger weiser Vorinformiertheit wurde schon am Tag vor der jüngsten Hausdurchsuchung eine Pressekonferenz des zuständigen Parteiapparatschiks abgehalten, um die „linken Zellen“ in der Justiz aufzudecken. Hat nicht viel gefehlt und er hätte „Zecken“ gesagt.

Die Ermittlungsbehörden sollen nicht nur diskreditiert werden, sondern die unabhängige Justiz soll aus der symbolischen Position des neutralen Wächters in die Position der „Opposition“ umgruppiert werden. Auf diese Weise werden etwa aus Durchsuchungsbeschlüssen oder gar Gerichtsurteilen „Meinungen“.

Die staatsanwaltlichen Recherchen zeichnen ein buntes Großpanorama mafiösen Politikmachens. Es geht um Freunderlwirtschaft, Posten gegen Spenden, geschobene Bestellungen für staatsnahe Spitzenämter, illegale Parteienfinanzierung, die Veruntreuung öffentlicher Gelder bis hin zum Kauf gewogener Berichterstattung durch die endemische „Inseratenkorruption“ (für Inseratengeld gibt’s mediale Lobhudelei) und neuerdings sogar um frisierte Umfragen, die mit Ministeriumsgeld bezahlt worden sein sollen.

Aufreizende Vertrotteltheit

Gigantomanisches Selbstbild, Selbstverliebtheit des Anführers, Führerkult der Günstlinge und die kriminelle Energie der gesamten Bande haben ein Ausmaß angenommen, das nicht einmal die härtesten Kritiker von Kurz angenommen hätten. Die Chatprotokolle, die bis gestern Nachmittag durchsickerten, lassen einen mit offenem Mund zurück.

Der nun hoch wahrscheinliche völlige Zusammenbruch des Systems Kurz ist einer skurrilen Form der „Digitalisierungsoffensive“ geschuldet: Die Beteiligten haben sich in aufreizender Vertrotteltheit und euphorischer Aufgeblasenheit so detailliert via Whatsapp und SMS abgesprochen, dass sie sich selbst ans Messer geliefert haben. Die Gigantomanie mag dazu sicher noch beigetragen haben, denn die geht gerne mit der Illusion der Unverwundbarkeit und damit auch mit mangelnder Vorsicht einher.

Sollte in der CDU noch jemand ernsthaft daran denken, dieses „Erfolgsmodell“ zu kopieren – lascht et. Konservative Parteien, die politisch nach ultrarechts marschieren, landen sehr schnell bei der Camorra-Moral, dass alles geht, dass keine Regeln gelten, kein Gesetz mehr und auch kein Anstand. Es gibt keinen sauberen, es gibt keinen rechtsstaatlichen, es gibt keinen demokratischen Rechtspopulismus. Man kriegt immer das gesamte, stinkende Paket.

DEUTSCHLAND VERKOHLT, VERMERKELT, VERBRATEN

 

Geringverdiener und Corona: Die Zweifel der Armen

Politiker bereicherten sich in der Krise, Arme ließ man allein. Kein Wunder, dass besonders Geringverdiener der staatlichen Corona-Politik misstrauen.

Zwei Frauen tragen Schutzmasken und ziehen ihre Trolleys mit Lebensmitteln

Menschen auf dem Weg zur Essensausgabe der „Münchner Tafel“ Foto: Frank Hoermann/Sven Simon/imago

Soziale Ungleichheit gefährdet die Demokratie. Seit Jahren weisen Studien darauf hin, dass gerade bei Geringverdienern die Demokratiezufriedenheit gering ist. Wer sich in seinen Existenzängsten im Stich gelassen fühlt, misstraut besonders in schwierigen Zeiten dem Staat.

In der Pandemie verhindert dieses Misstrauen eine effektive Coronabekämpfung. Eine neue Studie der Hans-Böckler-Stiftung zeigt, dass besonders die Erwerbstätigen, die wenig Geld verdienen und wegen der Krise um ihre Existenz fürchten, Zweifel an der Pandemiepolitik der Regierung hegen, Verschwörungstheorien anhängen und Schutzmaßnahmen nicht befolgen.

Überraschend ist dieser Befund nicht. Während gut bezahlte Büroarbeiter die Krise im geräumigen Homeoffice aussaßen, mussten vor allem im Dienstleistungsbereich ohnehin schlecht bezahlte Beschäftigte mit einem geringen Kurzarbeitergeld haushalten. Hunderttausende Minijobber verloren ihren Job, außerplanmäßige Hartz-IV-Erhöhungen und ausreichende Hilfen vom Staat für Arme gab es nicht.

Vertrauen zurückgewinnen

Während Milliardäre ihr Vermögen vermehrten, Unionspolitiker mit Maskendeals ihre Diäten aufbesserten und Gesundheitsminister Spahn private Spendendinner abhielt, wurden Millionen Menschen in der Krise weitgehend alleingelassen.

Wieso also sollte man den Politikern glauben, die sich selbst bereichern und soziale Schieflagen nur unzureichend ab­federn? Wieso sollte man den Vertretern eines Staates glauben, der auch außerhalb von Krisenzeiten Arme schikaniert und am Existenzminimum hält – und der zulässt, dass die soziale Schere sich immer weiter öffnet?

Wer die Pandemie effektiv bekämpfen will, muss die sozialen Sorgen der Menschen ernst nehmen, muss sicherstellen, dass niemand um seine wirtschaftliche Existenz und seinen Job fürchten muss. Die Coronakrise sollte ein Weckruf an die künftige Koalition sein, den Sozialstaat so umzubauen, dass die Menschen ihm wieder vertrauen können. Dann klappt es womöglich auch besser mit der Pandemiebekämpfung.

PREISENTWICKLUNG

 

Hartz-IV-Sätze und Corona: Arme zahlen drauf

Die Hartz-IV-Sätze drohen unter das Existenzminimum zu sinken, so ein Gutachten. Das dürfte die neue Regierung unter Handlungsdruck setzen.

Auf einem Kassenband liegen verschiedene Lebensmittel

Teurer Einkauf: Ab 2022 wird der Satz für alleinstehende Erwachsene nur um 0,76 Prozent erhöht Foto: imago

BERLIN taz | Emp­fän­ge­r:in­nen von Hartz-IV-Leistungen haben wegen der steigenden Inflation nach dem Abklingen der Coronapandemie weniger Kaufkraft zur Verfügung. Ein Bündnis von 14 Sozialverbänden forderte am Freitag in einem offenen Brief an Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD): „Versteckte Kürzungen bei den Ärmsten stoppen“. Der Paritätische Gesamtverband legte ein Gutachten vor, nach dem die Fortschreibung der Regelsätze für das nächste Jahr das „menschenwürdige Existenzminimum“ nicht mehr decke und „verfassungwidrig“ sei.

Das Gutachten könnte die künftige Bundesregierung unter Handlungsdruck setzen: Sowohl die SPD als auch die Grünen haben in ihren Wahlprogrammen Reformen am Hartz-IV-System versprochen. Die SPD hatte in ihrem Programm angekündigt, die „Kriterien zur Regelsatzermittlung“ „weiterzuentwickeln“ und dabei Betroffene und Sozialverbände „mit einzubeziehen“. Die Regelsätze müssten „zu einem Leben in Würde ausreichen“.

Die Grünen haben im Programm mindestens 50 Euro mehr pro Monat für Hartz-IV-Empfänger:innen versprochen.

Die Regelsätze werden jährlich erhöht, wobei die Erhöhung sich zu 70 Prozent an der Preissteigerung und zu 30 Prozent an der Entwicklung der Nettolöhne im Vorjahr orientiert. Da die Preissteigerung in der Vergangenheit gering war, beschloss das Kabinett nur eine geringfügige Erhöhung der Hartz-IV-Regelsätze um 3 Euro auf 449 Euro für einen alleinstehenden Erwachsenen, das bedeutet eine Erhöhung um nur 0,76 Prozent ab dem Jahr 2022. Für Familienmitglieder gelten entsprechende Steigerungen. Der Bundesrat billigte am Freitag die neuen Sätze.

Nur 0,1 Prozent Preisentwicklung

In dem Gutachten der Rechtswissenschaftlerin Anne Lenze kommt diese zu dem Schluss, dass die „niedrige Anpassungsrate“ der Hartz-IV-Regelsätze maßgeblich auf die niedrige Rate der Preisentwicklung zurückgehe in Höhe von nur 0,1 Prozent von Juli 2020 bis Juni 2021 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Diese niedrige Preissteigerungsrate sei vor allem durch die politisch herbeigeführte vorübergehende Senkung des Mehrwertsteuersatzes im Zuge der Coronamaßnahmen verursacht worden.

Die Mehrwertsteuer wurde zur Ankurbelung der Wirtschaft von Juli bis Dezember 2020 um 3 beziehungsweise 2 Prozentpunkte abgesenkt und Anfang 2021 wieder auf ihre alten Werte von 19, beziehungsweise 7 Prozent erhöht. Die Inflation habe im Juli 2021 im Vergleich zum Vorjahresmonat bereits wieder 3,8 Prozent betragen, so Lenze.

Lenze verwies auf frühere Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts, wonach der Gesetzgeber auf Preissteigerungen „zeitnah“ reagieren müsse, um die Erfüllung des aktuellen Bedarfs für Hartz-IV-Empfänger:innen sicherzustellen. In ihrem offenen Brief fordern die Sozialverbände unter anderem, Preissteigerungen müssten immer „zeitnah“ mindestens ausgeglichen werden.

DELLA SERIE: QUELLI CHE ROMPONO SECONDO IL WEF NON DEVONO PAGARE, DEVONO INVESTIRE (GARANTITI DAL CONTRIBUENTE OVVIAMENTE)

Lessons for the energy transition from the 2021 energy crisis




coal power, shown here, is being phased out as part of the attempt to save the planet
Energy shocks are 'likely to ripple through an economy and be felt by almost everyone.'
Image: UNSPLASH/Sam LaRussa
  • The global energy supply chain is stretched almost to breaking point and every new disruption is creating problems.
  • This is partly the result of decarbonizing electricity production and shows how important it is that the ongoing energy transition is handled well.

As we head into the final quarter of 2021, a global energy crisis is sending shockwaves through economies and industry sectors around the world. In addition to the immediate shortages and price hikes, this crisis could also foreshadow the fallout from a badly handled energy transition.

Energy is vital to almost every aspect of modern life. From keeping the wheels of industry turning to powering the internet, heating and lighting people’s homes, to keeping transport moving, so much of what we rely on is energy-dependent. Energy shocks are therefore likely to ripple through an economy and be felt by almost everyone. When the price of gas and electricity goes up, so too will the prices of many other things.

Depleted supplies

Speaking to Bloomberg TV, Jeff Currie, global head of commodities research at Goldman Sachs, explained how demand for gas has risen as many coal-fired power stations have been decommissioned around the world. That has had the twin effect of pushing up prices and depleting global gas stocks.

“The supply chains are so severely depleted, the system cannot accommodate any type of disruption,” he said.

Currie expects energy prices to remain high and to go even higher as winter approaches in the northern hemisphere. In Currie’s view, rising energy prices could help to accelerate the energy transition, pointing out that higher prices make all forms of renewable energy more commercially attractive.

A stretched energy system

Roberto Bocca, Head of Shaping the Future of Energy and Materials at the World Economic Forum, believes everyone has a part to play in helping avoid the energy transition becoming a series of energy crises.

“The complexity of the energy transition is a fundamental issue for society with implications for all sectors and dimensions of life,” he says. “It is more than ‘let's do better, let's be more efficient’ – that is important, of course. But, there is a need to rethink the whole paradigm of how we consume (demand) and produce energy (supply).”

“The energy system is interconnected and stretched,” he says. “So, any anomaly that comes along can bring disruption with impact across the world.”

Bocca suggests that people should think differently about their relationship with energy, moving away from an abundance-of-energy mindset toward one that emphasises that it's a precious and constrained resource.

Scaling-up energy efficiencies

In homes, offices and businesses all over the world, energy is referred to as a utility. Push a button, flick a switch and it is there, ready to be used. But the complex infrastructure that connects the humble lightswitch, or even a not-so-humble wind turbine – to the rest of the electricity grid goes unseen.

For consumers, both domestic and industrial, this can lead to complacency around using energy, especially when the costly externalities of energy production and consumption are not embedded in the cost.

“It is complex,” Bocca agrees. “But it's not mystical. There are things you can do ... what is fundamental is that our behaviour has to change.”

Efficiencies can emerge from simple acts, such as using energy-efficient domestic light bulbs. It might feel small, but when millions of people make such a change, there can be a powerful multiplier effect.

And efficiencies can also emerge from more fundamental shifts in the way we approach energy consumption in cities and industrial clusters. “The efficiency that you can get from this kind of systemic approach is quite dramatic,” Bocca says.

Indeed, the World Economic Forum, alongside Accenture, has recently launched a Toolbox of Solutions to accelerate decarbonization in cities. The digital platform, part of the Net-Zero Carbon Cities programme, focuses on practical solutions that address clean electrification, efficiency and smart infrastructure.

New energy business models

From developing energy-efficient products to developing whole new fuel systems, like hydrogen and the infrastructure that goes with it, reconfiguring the global energy sector will require wide-reaching cooperation. That cooperation will sometimes be between businesses that might ordinarily see one another as competitors. The jealous guarding of intellectual property and feeling a sense of ownership over customers may have to give way to a more holistic outlook, based on the idea of being part of an energy ecosystem.

“We talk a lot about technology and innovation, which is important. But this is also about business model innovation,” Bocca says. Businesses need to be able to stay commercially viable and compliant, while also keeping up with change.

Regulators and policymakers must act to de-risk the new commercial landscape, he believes, to foster investment in new partnerships, new technologies and new services.

Powering energy literacy

The World Economic Forum’s Energy Transition Index (ETI) has been tracking the progress toward tackling energy-related greenhouse gas emissions for 10 years. The top 10 ETI countries account for around 2% of the world’s population and approximately 3% of energy-related CO2 emissions, according to the index.

a diagram showing how the energy transition has many moving parts
The energy transition – many moving parts.
Image: World Economic Forum

Larger, more populous – and more polluting – countries will need to make more progress if the overall picture is to improve. But attempts at moving too suddenly can cause unrest and resistance to change.

If all stakeholders, from consumers and regulators to academia, non-governmental organizations and business leaders, become more energy literate, they may come to appreciate how they can bring about beneficial changes through the decisions they make.

The energy transition of the next 20 years is going to be complex, costly and - at times – very difficult to implement. Let’s not hide behind the challenge, let’s work together and solve it, Bocca says.

What's the World Economic Forum doing about the transition to clean energy?

Moving to clean energy is key to combating climate change, yet in the past five years, the energy transition has stagnated.

Energy consumption and production contribute to two-thirds of global emissions, and 81% of the global energy system is still based on fossil fuels, the same percentage as 30 years ago. Plus, improvements in the energy intensity of the global economy (the amount of energy used per unit of economic activity) are slowing. In 2018 energy intensity improved by 1.2%, the slowest rate since 2010.

Effective policies, private-sector action and public-private cooperation are needed to create a more inclusive, sustainable, affordable and secure global energy system.

Benchmarking progress is essential to a successful transition. The World Economic Forum’s Energy Transition Index, which ranks 115 economies on how well they balance energy security and access with environmental sustainability and affordability, shows that the biggest challenge facing energy transition is the lack of readiness among the world’s largest emitters, including US, China, India and Russia. The 10 countries that score the highest in terms of readiness account for only 2.6% of global annual emissions.

To future-proof the global energy system, the Forum’s Shaping the Future of Energy and Materials Platform is working on initiatives including, Systemic Efficiency, Innovation and Clean Energy and the Global Battery Alliance to encourage and enable innovative energy investments, technologies and solutions.

Additionally, the Mission Possible Platform (MPP) is working to assemble public and private partners to further the industry transition to set heavy industry and mobility sectors on the pathway towards net-zero emissions. MPP is an initiative created by the World Economic Forum and the Energy Transitions Commission.

Is your organisation interested in working with the World Economic Forum? Find out more here.

License and Republishing

Subscribe for updates

A weekly update of what’s on the Global Agenda

About

Media

Members & Partners

Follow the World Economic Forum

Lettori fissi